Die Schienen sind weg - die Anziehungskraft bleibt
Serie, Teil 4: Die Haltestelle "Wanderweg" ist seit 50 Jahren Ausgangspunkt für Ausflüge ins Siebenmühlental. Von Ursula Vollmer
Eigentlich ist der Name der Haltestelle unvollständig: Streng genommen handelt es sich beim "Wanderweg" nämlich um einen "Bundeswanderweg". Bis heute gehört die einstige Eisenbahntrasse, die sich von der Bushaltestelle am Musberger Friedhof durch das Siebenmühlental bis zum Waldenbucher Ortsteil Glashütte zieht, zum Eigentum des Bundes. Die kuriosen Besitzverhältnisse dürften den zahlreichen Radfahrern, Walkern, Inlineskatern und Joggern, die hier den Wanderern und Spaziergängern fast schon den Rang abgelaufen haben, allerdings ziemlich egal sein: An den Wochenenden und an langen Sommerabenden bevölkern sie alle diesen geteerten Weg: Zum Luftholen und Genießen ebenso wie zum Auspowern und Dahinflitzen.
Zügiges Vorankommen, der Wunsch danach war im Mai 1920 der Grund für den ersten Spatenstich der Bahnlinie von Leinfelden nach Waldenbuch. Vorausgegangen war ein jahrzehntelanges Ringen um die Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Tübingen, das die Stadtarchivare Nikolaus Back und Bernd Klagholz ausführlich in der heimatkundlichen Schriftenreihe beschrieben haben. Bereits 1861 war eine direkte Verbindung durch das Neckartal fertiggestellt worden. Die Bauern der Filder fühlten sich durch diesen Vorläufer allerdings verkehrstechnisch abgehängt und machten sich aus Sorge um ihre Absatzmöglichkeiten für eine Strecke durch den Schönbuch stark.
Gegner und Befürworter des Bahnprojektes redeten sich die Köpfe heiß. Zu teuer, zu aufwendig, zu wenig effektiv, so argumentierten die einen. Auf bessere Bedingungen für Landwirtschaft und Handwerk sowie eine Belebung des Fremdenverkehrs hofften die anderen. Auch der Streckenverlauf wurde diskutiert. Ob Musberg überhaupt einen Bahnhof bekommen sollte, blieb lange umstritten. Schließlich einigte man sich auf die heutige Trasse westlich des Reichenbachs mit einem Haltepunkt beim Musberger Friedhof.
Nach dem Baubeginn sorgte Geldmangel immer wieder für Verzögerungen: Zwischen 1921 und 1922 ruhten die Arbeiten sogar für ein ganzes Jahr. Doch am 22. Juni 1928 wurde schließlich die erste festlich geschmückte Dampflok aus Richtung Leinfelden kommend von den Gästen begeistert begrüßt. Der Musberger Schultheiß Gustav Egler spendierte Brezeln und war sich sicher, dass die erholungsbedürftigen Städter nun in die "ewig schönen Wälder des Schönbuchs" strömen würden - zumal ein Freibad an der Burkhardtsmühle von 1930 an für zusätzliche Erfrischung sorgte.
Die Ausflügler erschienen tatsächlich gern. Doch als nach dem Krieg der Busverkehr in Schwung kam, stiegen sie und die Berufspendler um: Das Zügle dampfte in die roten Zahlen und wurde 1955/56 aufs Abstellgleis gestellt. Fünf Jahre später hatten die Gleise dem Asphalt und damit einem (Bundes)Wanderweg mit magnetischer Anziehungskraft auf Wandersleut" und Trendsportler Platz gemacht: Die schönen Wälder locken noch immer.










